Blick aus meinem Fenster
Menschen fressende Meere

Sie stand einfach nur da. Es war circa zwei Uhr nachts, niemand war mehr zu sehen, bis auf die kleine unscheinbare Gestalt. Es schien als sei sie am Boden festgeklebt, dort unter der Laterne. Leider fiel das Licht so, dass Marie nur die Umrisse der Gestalt wahrnahm, ansonsten konnte sie sich nur ausmalen, wer oder was das wohl sein mochte. Sie war sich hundertprozentig sicher. Es musste einfach so sein. Doch was nun? Marie übermannte das Gefühl, nach draußen gehen und mit der Gestalt sprechen zu müssen. Ihre Eltern würden sie bestimmt nicht hören, dafür war das Rauschen der Wellen heute viel zu laut, sie wohnten nämlich direkt am Meer. Manchmal machte ihr das Meer Angst. Es war so groß und unberechenbar, so dunkel als wäre es ein riesiger Schatten, der mit jeder Welle versucht zu ihr zu kommen, um sie zu verschlingen. Aber das würde das Meer nicht schaffen. In ihrem Zimmer war sie sicher, hier konnte es nicht hineingelangen, schließlich lag es im 2. Stock; und an die Monster in ihrem Schrank glaubte Marie schon lange nicht mehr. Die Gestalt bewegte sich immer noch keinen Zentimeter. Nun ja sie würde sich wohl irgendwie hinausschleichen müssen. Kann ja nicht so schwierig sein – Treppe runter, ab durch das Wohnzimmer, durch den Flur und raus zur Tür – Kinderspiel. Doch vorher brauchte sie erst mal etwas Wärmeres zum anziehen. Wo hat sie denn verdammt noch mal ihre Jacke wieder hingetan? Nach drei Minuten, die sich für Marie wie drei unerträgliche Stunden anfühlten, fand sie ihre Jacke endlich in der Ecke, hinter dieser komischen Zimmerpflanze, die ihre Mutter ihr mal geschenkt hatte, weil ihr Zimmer dadurch angeblich freundlicher aussehen würde – meinte sie zumindest. Schnell rannte Marie wieder ans Fenster zurück, um nachzuschauen, ob die Gestalt immer noch da war. Dass sie innerhalb der letzten drei Minuten schon 17 Mal nachgeschaut hatte, interessierte sie dabei nicht. Sicher ist sicher. Das größte Hindernis, was ihr jetzt noch bevor stand, war wohl die quietschende Treppe. Man musste sie in Zeitlupentempo hinunter krabbeln, damit sie möglichst kein Geräusch von sich gab, doch Marie war schließlich kein Baby mehr, also kam Krabbeln nicht in Frage. Ganz langsam setzte sie ihren linken Fuß auf die oberste Stufe und sofort stöhnt die Treppe los, als sei sie ein alter Opa, der versucht aus seinem Sessel aufzustehen, in dem er zuvor vier Stunden gemütlich geschlafen hat. Es blieb ihr nichts anderes übrig als die Krabbelmethode zu benutzen. Zum Glück sah sie ja niemand, sonst hätte sie das bestimmt nicht gemacht, das ist ja schließlich mehr als peinlich in ihrem Alter. Unten angekommen muss sie sich zurückhalten keinen Freudenschrei auszurufen, sonst wären ihre Eltern sofort wach geworden und die ganze Mühe wäre umsonst gewesen. Schnell ging sie in Richtung Flur, griff zur Türklinke und wollte schwungartig die Tür öffnen. Sie hatte vergessen, dass ihr Vater nachts die Tür abschließt. Wär ja auch zu schön gewesen, wenn alles läuft wie geplant. Sie schlich zurück zum Wohnzimmer um einen Stuhl zu holen. Je länger das ganze hier dauerte, desto mehr Angst bekam Marie. Was wenn die Gestalt doch nicht das war, was Marie dachte? Und dann ist da ja auch noch das Meer. Immer mehr Zweifel machten sich in ihrem Gehirn breit, aber ihre Neugier siegte letztendlich. Sie schnappte sich den Stuhl, schleppte ihn mühsam in den Flur und stellte ihn dahin, wo sie das Schlüsselbrett vermutete. Natürlich hätte sie auch einfach das Licht anmachen können, aber sie wollte nicht riskieren, dass ihre Eltern aufwachen.

Sandra lag mit geöffneten Augen in ihrem Bett und dachte über das Leben nach. Es waren keine klaren Gedanken, sondern alles kleine Puzzleteile, die durch ihren Kopf flogen und geordnet werden wollten. Doch zum Ordnen war sie zu müde. Wenn das Rauschen der Wellen heute doch bloß nicht so laut wär, dann würde sie schon längst ins Land der Träume entfliehen können. Nichts lief mehr perfekt. Nichts war so, wie es sein sollte. Aber sie redete sich ein, dass irgendwann alles wieder gut sein würde. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was ansonsten passieren würde. Während sie so in Gedanken schweifte, hörte sie auf einmal einen lauten Knall, der eindeutig nicht in die Geräuschkulisse des Meeres passte. Es kam ihr vor, als käme es aus ihrem Haus und ein Schauer lief über ihren Körper. Einbrecher würde es hier bestimmt nicht geben. In diesem Ort wohnte niemand, bei dem es sich wirklich lohnen würde einzubrechen, und bei Ihnen erst recht nicht. Trotzdem, sie musste einfach nachsehen. Sie ging zur Kommode und holte eine Taschenlampe heraus. Danach verfluchte sie die Treppe, die natürlich mal wieder nicht leise sein wollte, als sie hinunterging. Möglicherweise war das ja sogar von Vorteil, vielleicht würden die Einbrecher ja abhauen, wenn sie mitbekämen, dass jemand im Haus wach geworden war. Leider konnte sie sich nicht so ganz mit diesem Gedanken anfreunden und die Angst in ihr überwog eindeutig in ihrem momentanen Gefühlschaos. Unten angekommen machte sie schnell das Licht an. Bis jetzt war niemand zu sehen, aber sie wollte noch im Flur nachschauen. Auf einmal bemerkte sie, dass ein Stuhl fehlte. Einbrecher die einen simplen Stuhl von IKEA klauten? Und dann auch noch einen einzelnen? Die Sache wurde immer komischer, aber Sandra war zu müde um großartig irgendwelche Geschichten in diese fehlende-Stuhl-Sache hineinzuinterpretieren. Sie wollte nur noch schnell nachschauen, ob die Einbrecher wieder verschwunden waren, den Stuhl konnten sie nächste Woche neu kaufen, wenn es denn unbedingt sein musste. Als sie den Flur betrat, schmunzelte sie plötzlich. Da lag ihre kleine Tochter, neben einem umgekippten Stuhl auf dem Boden und schlief. Sie ging zu ihr, hob sie mühsam hoch und trug sie nach oben in ihr Bett. Auf dem Weg nach oben hörte sie die ganze Zeit, wie Marie ein und dasselbe Wort immer wieder leise wiederholte. Elfe.

9.11.09 00:27
 


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